Was war die Future Internet Assembly?
Die Future Internet Assembly (FIA) war eine der ambitioniertesten Koordinierungsinitiativen im Bereich der europäischen Internetforschung. Sie versammelte Projekte, Wissenschaftler und Entscheider aus ganz Europa unter einem gemeinsamen Dach, um die Frage zu beantworten: Wie soll das Internet der Zukunft aussehen – und wer soll es gestalten? Gegründet im Kontext des 7. EU-Forschungsrahmenprogramms (FP7), brachte die FIA ab etwa 2008 regelmäßig Forscher, Industrievertreter und politische Akteure zusammen.
Der Kerngedanke war simpel, aber ehrgeizig: Europas zersplitterte Forschungslandschaft sollte gebündelt werden. Statt isolierter nationaler Projekte sollten transnationale Arbeitsgruppen entstehen, die gemeinsam an Netzarchitekturen, Sicherheitsprotokollen, Cloud-Infrastrukturen und semantischen Technologien arbeiten. Die FIA war dabei kein Förderprogramm im klassischen Sinne, sondern eine Plattform – ein Forum für den Wissensaustausch zwischen bereits geförderten Vorhaben.
Zweimal jährlich fanden die großen FIA-Treffen statt, meist in wechselnden europäischen Städten. Stockholm war dabei einer der bevorzugten Austragungsorte – ein Umstand, der dem Portal fi-stockholm.eu seinen Namen gab. Die Konferenzen zogen regelmäßig mehrere hundert Teilnehmer an und galten als wichtigste Vernetzungsplattform für die EU-Internetforschungsgemeinschaft.
Thematische Schwerpunkte der EU-Internetforschung
Die EU-Internetforschung im Rahmen der Future Internet Assembly war thematisch breit aufgestellt. Grob lassen sich die Arbeitsbereiche in drei Cluster aufteilen: Netzinfrastruktur und -architektur, Dienste und Anwendungen sowie Nutzung und gesellschaftliche Aspekte. Diese Dreiteilung spiegelte die Erkenntnis wider, dass technologischer Wandel im Netz nie rein technisch gedacht werden darf.
Besonders intensiv diskutiert wurden Fragen der Netzwerkvirtualisierung, also der Möglichkeit, physische Infrastruktur softwarebasiert zu verwalten und dynamisch zuzuweisen. Projekte wie NOVI, GÉANT und OFELIA erforschten, wie offene Schnittstellen und Software-Defined Networking (SDN) die Kontrolle über Netzressourcen demokratisieren können. Parallel dazu arbeiteten Gruppen an vertrauenswürdigen Identitätsmanagementsystemen – ein Thema, das angesichts der heutigen Debatten um digitale Identität hochaktuell geblieben ist.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem sogenannten „Internet of Things" (IoT), damals noch ein Zukunftsbegriff, heute Realität in Millionen vernetzter Geräte. Frühe Projekte wie SENSEI oder IoT@Work legten konzeptionelle Grundlagen, auf denen spätere industrielle Standards aufbauten. Wer die Ursprünge moderner IoT-Architekturen verstehen will, kommt an den FIA-Ergebnissen kaum vorbei.
Von FP7 zu Horizon 2020: Wie sich die Förderlogik wandelte
Mit dem Ende des 7. Rahmenprogramms und dem Start von Horizon 2020 im Jahr 2014 veränderte sich die Förderlandschaft erheblich. Die Future Internet Assembly als institutionelle Klammer verlor an Bedeutung, ihre inhaltlichen Impulse wurden jedoch in neue Strukturen überführt. Das europäische Forschungsprogramm Horizon 2020 übernahm viele Themen und integrierte sie in die neu geschaffenen Public-Private Partnerships (PPPs), etwa die 5G-PPP oder die Big Data Value Association.
Die Verlagerung hatte sowohl Vor- als auch Nachteile. Einerseits wurden die Projekte stärker an Marktrelevanz und Verwertbarkeit geknüpft – ein durchaus legitimes Ziel, wenn öffentliche Gelder eingesetzt werden. Andererseits beklagten viele Grundlagenforscher, dass der langfristige Horizont schrumpfte. Wer drei bis fünf Jahre denkt, kann keine Netzarchitektur für das nächste Jahrzehnt entwerfen.
„Die FIA hat Europa gezeigt, dass Forschung nur dann globale Relevanz entfaltet, wenn sie koordiniert und offen kommuniziert wird. Was wir in jenen Jahren erarbeiteten, findet sich heute in Standards und Produkten – auch wenn der Name Future Internet Assembly darauf nicht steht."
— Sinngemäß zitiert aus einem Rückblick eines FIA-Teilnehmers, Stockholmer Ausgabe 2013
Für Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die heute Fördermittel beantragen wollen, lohnt ein Blick auf die Nachfolgestrukturen. Wie Horizon Europe Digitalprojekte fördert und welche thematischen Cluster dort weitergeführt werden, erklären wir an anderer Stelle ausführlich. Entscheidend ist: Die konzeptionelle DNA der FIA lebt in diesen Programmen fort.
Wichtigste Ergebnisse und ihr Nachhall bis heute
Was hat die Future Internet Assembly konkret hinterlassen? Die Antwort ist differenzierter, als ein einfaches Ja oder Nein erlauben würde. Auf der technischen Ebene entstanden Referenzarchitekturen, Protokollentwürfe und Interoperabilitätsstandards, die in europäische und internationale Normungsgremien einflossen. Das European Telecommunications Standards Institute (ETSI) und das W3C übernahmen Elemente aus FIA-geförderten Projekten.
Auf der institutionellen Ebene entstanden Netzwerke, die bis heute aktiv sind. GÉANT, das paneuropäische Forschungs- und Bildungsnetzwerk, wurde durch FP7-Mittel entscheidend ausgebaut und verbindet heute über 50 Millionen Nutzer aus Wissenschaft und Bildung in mehr als 40 Ländern. Das ist kein abstraktes Ergebnis – das ist Infrastruktur, die täglich genutzt wird.
Besonders hervorzuheben sind folgende Leistungen der FIA-Ära:
- Standardisierungsbeiträge: Mehrere FIA-Projekte lieferten Input für ISO-, ETSI- und IETF-Standards im Bereich Netzwerkvirtualisierung und IoT.
- Open-Source-Veröffentlichungen: Zahlreiche Projektergebnisse wurden als Open-Source-Software freigegeben und sind bis heute auf Plattformen wie GitHub verfügbar.
- Aufbau von Testbeds: PlanetLab Europe und Fed4FIRE entstanden als föderierte Testumgebungen, auf denen Forscher realitätsnahe Netzexperimente durchführen konnten.
- Ausbildung einer Forschergeneration: Hunderte Doktoranden und Postdocs erwarben in FIA-Projekten ihre Kompetenzen; viele führen heute Forschungsabteilungen in Industrie und Wissenschaft.
- Policy-Impulse: Mehrere FIA-Arbeitsgruppen publizierten Positionspapiere, die Eingang in die EU-Digitalpolitik fanden – etwa zur Netzneutralität oder zur Cloud-Regulierung.
- Förderung von Startups: Spin-offs aus FIA-Projekten wurden zu erfolgreichen Unternehmen im Bereich Netzwerksoftware, Datensicherheit und IoT-Middleware.
Kritische Betrachtung: Wo die FIA an Grenzen stieß
So beeindruckend die Liste der Ergebnisse klingt – es wäre unredlich, die Schwächen der Initiative zu verschweigen. Die Future Internet Assembly litt unter einem strukturellen Problem: Als Koordinierungsplattform hatte sie keine eigene Entscheidungsgewalt. Projekte arbeiteten inhaltlich oft aneinander vorbei, weil finanzielle Anreize für echte Kooperation fehlten. Jedes Konsortium optimierte naturgemäß zunächst auf seine eigenen Deliverables.
Hinzu kam die Komplexität der europäischen Förderbürokratie. Berichte, Reviews und Nachweispflichten verschlangen erhebliche Ressourcen, die eigentlich der Forschung zugutekommen sollten. Ein Projekt-Koordinator, der mehrere EU-Projekte betreut hat, beschrieb die Situation treffend: Bis zu 30 Prozent der Projektkapazität könne in administrativen Prozessen verschwinden – ein Wert, der in den Evaluierungen der Europäischen Kommission selbst immer wieder auftauchte.
Auch die Außenwirkung war begrenzt. Während US-amerikanische Initiativen wie die GENI-Plattform oder DARPA-Programme international wahrgenommen wurden, blieb die FIA weitgehend ein europäisches Insider-Thema. Die Kommunikation nach außen – zu Unternehmen, zu Medien, zur breiten Öffentlichkeit – war oft unzureichend. Viele exzellente Ergebnisse verschwanden in PDF-Berichten, die kaum jemand las.
Die Gegenwart: Was von der Vision geblieben ist
Mit dem Start von Horizon Europe, dem aktuellen Rahmenprogramm der EU für Forschung und Innovation (Laufzeit 2021–2027), sind die Themen der FIA endgültig in den Mainstream der europäischen Forschungsförderung eingewandert. Der European Research Executive Agency (REA) und der Generaldirektion CNECT stehen dafür erhebliche Mittel zur Verfügung: Allein für den Cluster „Digitaler Wandel, Industrie und Raumfahrt" sind im aktuellen Arbeitsprogramm mehrere Milliarden Euro vorgesehen.
Die institutionellen Nachfolger der FIA sind die European Research Infrastructures und die neu geschaffenen European Digital Innovation Hubs (EDIHs). Diese Hubs sollen als Brücke zwischen Forschung und Wirtschaft dienen – genau das, woran die FIA oft gescheitert war. Ob der Ansatz diesmal erfolgreicher ist, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Die Ausgangsbedingungen – politischer Wille, Finanzmittel, strukturelle Klarheit – sind jedenfalls günstiger als je zuvor.
Wer sich für die Vernetzung europäischer Forschungsakteure auf Konferenzen interessiert, findet nützliche Hinweise in unserem Beitrag darüber, wie man Tech-Konferenzen in Europa optimal für Unternehmen nutzt. Denn die persönliche Begegnung zwischen Forschern, Unternehmensvertretern und Entscheidern – das war letztlich das Herzstück der Future Internet Assembly und bleibt auch im digitalen Zeitalter unersetzlich.
Die Future Internet Assembly ist als Marke Geschichte. Was sie angestoßen hat – eine stärker koordinierte, offene und transnationale europäische Internetforschung –, ist es nicht. Wer die heutigen Debatten um digitale Souveränität, offene Standards und KI-gestützte Netzintelligenz verfolgt, erkennt darin die Fragen wieder, die in Stockholm, Ghent, Aalborg und Valencia diskutiert wurden. Die Namen haben sich geändert. Die Substanz nicht.