Wer sich zum ersten Mal mit Horizon Europe beschäftigt, hat oft das Gefühl, in einen Bürokratiedschungel geraten zu sein. Abkürzungen wie „Work Programme", „Pillar II" oder „TRL" fliegen einem um die Ohren, und noch bevor man den ersten Antrag angetastet hat, fragt man sich: Ist das wirklich etwas für uns? Die kurze Antwort lautet: sehr wahrscheinlich ja – vorausgesetzt, man weiß, wo man sucht und wie man das Programm liest.
Horizon Europe ist das größte Forschungs- und Innovationsprogramm der Europäischen Union. Mit einem Gesamtbudget von rund 95,5 Milliarden Euro für den Zeitraum 2021 bis 2027 übertrifft es seinen Vorgänger Horizon 2020 deutlich. Ein erheblicher Teil dieser Mittel fließt in digitale Technologien, künstliche Intelligenz, Datensicherheit und Cloud-Infrastrukturen – also genau in jene Bereiche, die Europa fit für die technologische Zukunft machen sollen.
Was Horizon Europe eigentlich ist – und was nicht
Ein verbreitetes Missverständnis: Horizon Europe ist kein klassisches Förderprogramm, bei dem man einen Antrag stellt und Geld bekommt. Es ist ein wettbewerbsorientiertes Finanzierungsinstrument. Das bedeutet, Projektideen konkurrieren gegeneinander, werden von unabhängigen Gutachtern bewertet und nur die besten erhalten eine Förderung. Die Erfolgsquoten variieren je nach Ausschreibung, liegen aber oft zwischen 10 und 15 Prozent – wer also nicht gut vorbereitet ist, hat kaum eine Chance.
Das Programm gliedert sich in drei Säulen: Wissenschaftliche Exzellenz (Pillar I), Globale Herausforderungen und europäische industrielle Wettbewerbsfähigkeit (Pillar II) und Innovatives Europa (Pillar III). Für Digitalprojekte ist vor allem Pillar II relevant, konkret der Cluster 4 „Digitales, Industrie und Weltraum". Hier werden Themen wie Quantencomputing, Halbleitertechnologien, Cybersecurity, das Internet der Dinge und natürlich KI-Anwendungen gefördert.
Hinzu kommt der European Research Council (ERC) in Pillar I, der exzellente Einzelforscher unterstützt – und das European Innovation Council (EIC) in Pillar III, der gezielt skalierbare Start-ups und KMU mit Durchbruchstechnologien ins Visier nimmt. Wer also ein junges Technologieunternehmen mit einer disruptiven Idee leitet, sollte den EIC Accelerator genau unter die Lupe nehmen.
Digitalprojekte im Fokus: Welche Themen bekommen Geld?
Nicht jedes Digitalprojekt passt automatisch in Horizon Europe. Die EU definiert in ihren jährlichen Work Programmes sehr präzise, welche Technologiebereiche und gesellschaftlichen Ziele sie verfolgt. Wer seinen Projektvorschlag dagegen schreibt, läuft ins Leere. Wer sich an den beschriebenen Missionen und Prioritäten orientiert, hat deutlich bessere Karten.
Für den Förderzeitraum bis 2027 stehen folgende digitale Schwerpunkte besonders im Vordergrund:
- Künstliche Intelligenz und Daten: Vertrauenswürdige KI-Systeme, erklärbares maschinelles Lernen, europäische Datenpools und föderiertes Lernen
- Cybersicherheit: Post-Quanten-Kryptographie, Sicherheitsarchitekturen für kritische Infrastrukturen, Resilienz von Netzwerken
- High-Performance Computing (HPC): Exascale-Rechner, neuromorphe Chips, energieeffiziente Rechenzentren
- Nächste Generation von Netzwerken: 6G-Forschung, Edge Computing, deterministisches Internet
- Digitale Zwillinge und erweiterte Realität: industrielle Simulationsumgebungen, virtuelle Testbeds
- Quantentechnologien: Quantencomputer, Quantenkommunikation und Quantensensorik
Besonders hervorzuheben ist, dass viele dieser Themen an der Schnittstelle zur europäischen Cloud- und Infrastrukturstrategie liegen. Horizon Europe ist damit kein isoliertes Förderprogramm, sondern eingebettet in eine übergeordnete digitalpolitische Agenda der EU – was Projekte, die auf diese Agenda einzahlen, besonders attraktiv für Gutachter macht.
Wie ein Antrag aufgebaut ist – und worauf es wirklich ankommt
Ein typischer Horizon-Europe-Antrag besteht aus zwei Teilen: dem technischen Teil (Part B) und dem administrativen Teil. Der technische Teil ist das Herzstück. Hier beschreibt das Konsortium seine Idee, die geplante Methodik, den Innovationsgrad und den erwarteten gesellschaftlichen Nutzen. Ein vollständiger Antrag für ein mittelgroßes Collaborative Project (meist „Research and Innovation Action" oder „Innovation Action" genannt) kann leicht 80 bis 120 Seiten umfassen.
Die Bewertung erfolgt anhand von drei Kriterien:
- Excellence: Ist die wissenschaftliche oder technologische Idee wirklich neu und ambitioniert?
- Impact: Welchen Unterschied macht das Projekt für Europa, die Wirtschaft, die Gesellschaft?
- Implementation: Hat das Konsortium die Kompetenz, den Plan und die Ressourcen, um das Projekt durchzuführen?
Jedes Kriterium wird mit bis zu fünf Punkten bewertet. Der Schwellenwert liegt in der Regel bei mindestens 3 Punkten pro Kriterium und 10 Punkten gesamt. Projekte, die unter diesen Schwellenwerten bleiben, werden nicht gefördert – egal, wie kreativ die Idee ist.
„Die häufigste Schwäche in abgelehnten Anträgen ist nicht die Idee selbst, sondern fehlende Klarheit über den konkreten Impact. Wer nicht in der Lage ist, den Nutzen seines Projekts in einfachen Sätzen zu beschreiben, verliert Punkte – und damit Chancen."
Erfahrene Antragstellerinnen und Antragsteller wissen: Der Impact-Abschnitt entscheidet oft über Erfolg oder Misserfolg. Hier sollte man nicht nur quantitativ argumentieren (z. B. Anzahl erreichter Nutzer, eingesparte CO₂-Tonnen), sondern auch qualitativ beschreiben, wie das Projekt zur Stärkung der europäischen digitalen Souveränität beiträgt.
Konsortien und Partnerstrukturen: Wer darf mitmachen?
Die meisten Horizon-Europe-Ausschreibungen verlangen ein internationales Konsortium, bestehend aus mindestens drei unabhängigen Einrichtungen aus drei verschiedenen EU-Mitgliedstaaten oder assoziierten Ländern. Zu den assoziierten Ländern gehören unter anderem Norwegen, Island, Israel und die Türkei – sowie seit 2024 wieder in Teilen das Vereinigte Königreich. Die genaue Partnerschaft variiert je nach Förderinstrument.
Typische Konsortialmitglieder in Digitalprojekten sind:
- Universitäten und Forschungsinstitute (für die wissenschaftliche Fundierung)
- Großunternehmen aus der Tech-Branche (für industrielle Relevanz und Skalierung)
- KMU und Start-ups (für agile Umsetzung und Marktnähe)
- Öffentliche Einrichtungen oder Kommunen (für Pilotanwendungen und gesellschaftliche Einbindung)
Die Rolle des sogenannten Koordinators ist entscheidend: Er oder sie trägt die administrative Gesamtverantwortung, kommuniziert mit der Kommission und verwaltet das Budget. Diese Rolle sollte nicht unterschätzt werden – der Koordinationsaufwand in einem dreijährigen Projekt mit zehn Partnern ist erheblich. Wer das zum ersten Mal macht, sollte unbedingt auf erfahrene Partner setzen oder frühzeitig professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen.
Fünf typische Fehler bei der Antragstellung
Aus der Praxis lassen sich immer wieder dieselben Stolperfallen beobachten. Wer sie kennt, kann sie vermeiden:
- Zu späte Partnersuche: Ein gutes Konsortium braucht Monate. Wer zwei Wochen vor Deadline anfängt, Partner zu suchen, landet oft bei ungeeigneten Kandidaten.
- Den Call-Text nicht genau lesen: Jede Ausschreibung enthält spezifische „Expected Outcomes" und „Expected Impacts". Wer diese nicht direkt adressiert, fällt durch.
- Technologiefokus ohne Marktperspektive: Gerade Innovation Actions verlangen eine klare Verwertungsstrategie. Eine Beschreibung des Prototyps reicht nicht.
- Zu viele Partner, zu wenig Kohärenz: Größere Konsortien klingen beeindruckend, aber Gutachter bewerten auch, ob alle Partner wirklich gebraucht werden.
- Unklare Arbeitspaketstruktur: Der Projektplan muss zeigen, wer wann was tut. Vage Arbeitspakete wie „Dissemination" ohne konkrete Aktivitäten überzeugen niemanden.
Horizon Europe im historischen Kontext: Was bisher gefördert wurde
Um zu verstehen, wohin Horizon Europe steuert, lohnt ein Blick zurück. Die europäische Forschungsförderung hat eine lange Geschichte, die bis in die 1980er Jahre reicht. Bereits das erste Rahmenprogramm aus dem Jahr 1984 zielte darauf ab, die technologische Wettbewerbsfähigkeit Europas gegenüber den USA und Japan zu stärken. Seitdem hat sich das Programm enorm weiterentwickelt – von relativ überschaubaren nationalen Projekten hin zu komplexen transnationalen Großkonsortien.
Besonders relevant für die digitale Forschungsförderung war die Periode ab dem sechsten Rahmenprogramm, in der das Internet und Web-Technologien systematisch in den Fokus rückten. Für einen tieferen Einblick in diese Entwicklung lohnt sich ein Blick auf den Hintergrund der Future Internet Assembly und die europäische Internetforschung – einem Meilenstein in der Geschichte der EU-geförderten Netzwerkforschung, der viele heutige Themen vorweggenommen hat.
Horizon 2020 (2014–2020) hat über 30.000 Projekte in ganz Europa ermöglicht und dabei Milliarden in digitale Infrastruktur, Open Science und smarte Stadtkonzepte investiert. Horizon Europe setzt diese Tradition fort, legt aber noch stärker den Fokus auf Missionen – also konkrete, messbare gesellschaftliche Ziele wie klimaneutrale Städte, gesunde Ozeane oder krebsfreie Zukunft. Auch digitale Technologien werden zunehmend als Enabler für diese Missionen verstanden, nicht nur als eigenständiges Forschungsfeld.
Praktischer Einstieg: So finden Sie passende Ausschreibungen
Der wichtigste Anlaufpunkt für alle, die in Horizon Europe einsteigen wollen, ist das Funding & Tenders Portal der Europäischen Kommission (ec.europa.eu/info/funding-tenders). Hier sind alle laufenden und geplanten Ausschreibungen gelistet, mit Deadlines, Budgets und den vollständigen Call-Dokumenten. Die Suchfunktion erlaubt eine Filterung nach Thema, Programmteil und Öffnungsdatum.
Darüber hinaus gibt es in jedem EU-Mitgliedstaat sogenannte Nationale Kontaktstellen (NCP – National Contact Points). Diese bieten kostenlose Beratung an, helfen bei der Partnersuche und veranstalten regelmäßig Info-Days zu neuen Ausschreibungen. Besonders für Erstantragsteller ist diese kostenlose Unterstützung Gold wert – und wird leider viel zu selten genutzt.
Wer gezielt nach Partnern sucht, kann zusätzlich das Partner Search Tool im Funding & Tenders Portal oder externe Plattformen wie CORDIS nutzen. CORDIS listet auch alle bereits geförderten Projekte aus früheren Rahmenprogrammen – ein exzellentes Recherchetool, um zu verstehen, welche Art von Projekten tatsächlich gefördert wird, und daraus Lehren für den eigenen Antrag zu ziehen.
Horizon Europe ist komplex – keine Frage. Aber wer bereit ist, sich die Zeit zu nehmen, die Logik des Programms zu verstehen, die richtigen Partner zu finden und einen überzeugenden Antrag zu schreiben, erschließt sich eine der mächtigsten Finanzierungsquellen für digitale Innovation in Europa. Der Aufwand lohnt sich.